Nach wie vor ist der typische Unternehmensgründer männlich. Zuletzt ist der Anteil der Gründerinnen in Deutschland zwar gestiegen (von 34 Prozent im Jahr 2002 auf 40 Prozent in 2016). Bei den Startups sieht das allerdings anders aus: Hier lag der Anteil weiblicher Gründer 2017 dem Deutschen Startup Monitor zufolge bei gerade einmal 14,6 Prozent. Ist der Schritt zur eigenen Gründung gewagt, stehen Frauen vor zusätzlichen Herausforderungen. Studien aus den USA und Schweden belegen, dass Gründerinnen für ihre Unternehmungen nur drei Prozent des insgesamt vergebenen Kapitals erhalten. Außerdem schneiden sie bei der Bewertung ihrer persönlichen Eignung durch potenzielle Investoren schlechter ab. Umso beeindruckender wirkt da die Leistung derjenigen Gründerinnen, die ihr eigenes Geschäftsmodell erfolgreich umgesetzt haben. Im Folgenden stellen wir Ihnen 14 der prominentesten deutschen Beispiele vor.

14 Gründerinnen, die mit ihrer Idee Erfolg haben

Nora Blum, Farina Schurzfeld & Kati Bermbach – Selfapy

selfapy-gruenderinnenBild: Selfapy

Wer auf einen Therapieplatz bei einem Psychotherapeuten hofft, muss in der Regel über einen langen Atem verfügen. Wartezeiten von elf Monaten und mehr sind keine Seltenheit – für akut Betroffene eine Zumutung. Hier setzt das Onlineangebot von Farina Scurzfeld, Nora Blum und Kati Bermbach an: Selfapy bietet Betroffenen einen Kurs aus neun Modulen, die in Zusammenarbeit mit Psychologen entwickelt wurden. Das Angebot soll dabei nicht die klassische Therapie ersetzen, sondern Berührungsängste abbauen und über die Wartezeit hinweghelfen.

Schurzfeld, Blum und Bermbach sind dabei das perfekte Beispiel, wie ein Team aus Gründern das nötige Wissen für den Schritt in die Selbstständigkeit mitbringen kann. Während Blum zuvor bei Rocket Internet gearbeitet hat, wo sie Foodora mit aufbaute, war Bermbach an der Charité als Forschungsmitarbeiterin in der Psychologie tätig. So verbanden sich in den beiden Gründerinnen inhaltliches Fachwissen und strukturelle Kenntnisse über die Unternehmensgründung als solche.

Zu Beginn wurde Selfapy durch kleinere Investments der Mavericks Founders unterstützt, letzten Sommer gab es dann eine erfolgreiche zweite Finanzierungsrunde. Jetzt planen die Gründerinnen die verstärkte Kooperation mit Krankenkassen sowie die Internationalisierung.

Webinar-Aufzeichnung: Work Smarter, Not Harder

Lea Lange – Junique

Der Werdegang von Lea Lange liest sich beeindruckend: Nach ihrem Studium mit Schwerpunkt Finanzwesen in München, St. Gallen und Barcelona arbeitete sie erst in der Beratung bei Roland Berger, dann bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young. Es war aber vermutlich eher ein beruflicher Rückschlag, der schließlich den Weg für ihre eigene Firmengründung ebnete. Das US-Unternehmen Fab, für das Lange anschließend als Director Strategy & Analytics arbeitete, ist auf dem deutschen Markt gescheitert, weil es auf ein umfangreiches Lager und schnelles Wachstum setzte.

Als Lange 2013 mit Marc Pohl und Sebastian Hasebrink Junique gründete, machte sie es anders. Als Marktplatz für bezahlbare Kunst, auf dem Künstler persönlich vorgestellt werden, werden die Produkte erst nach der Bestellung produziert, sodass die Lagerung entfällt. Außerdem legten die Gründer Wert auf langsames Wachstum.

Mit dieser Strategie haben sie Erfolg: 2015 beschäftigten sie bereits 65 Mitarbeiter und 2016 verbuchten sie einen Umsatz im achtstelligen Bereich. Die teils zweistelligen Millionensummen aus Investierungsrunden werden in weiteres Wachstum auf dem europäischen Markt investiert. Die heute 30-Jährige gehört zu den erfolgreichsten Gründerinnen der deutschen Startup-Szene, sodass das europäische Forbes Magazine Lange 2016 in die Liste der „30 under 30“ aufgenommen hat.

Mareike Geiling – Flüchtlinge Willkommen

Founder_Mareike_Geiling-144837-edited
Bild: Shooresh Fezoni, www.fezoni.com

Nachdem Mareike Geiling ihr „Religion & Culture“-Studium in Berlin und Buenos Aires absolviert hatte, begann sie sich 2014 mit ihrem späteren Mitgründer Jonas Kakoschke kritisch mit der Massenunterbringung von Flüchtlingen auseinanderzusetzen. Aus der Idee, ein Zimmer in der eigenen Wohnung bereitzustellen, entstand dann schnell die Initiative Flüchtlinge Willkommen: Hier werden Zimmer bei Privatleuten an Geflüchtete vermittelt.

Das Echo war groß: Nach zwei Tagen hatte das Projekt bereits 1.000 Likes auf Facebook, nach einer Woche lagen 80 Anmeldungen vor. Bis 2016 kam es zu 352 Vermittlungen. Geiling, die zu diesem Zeitpunkt noch in Kairo lebte, steckte schnell 80 Stunden pro Woche in das Projekt, das deshalb nicht mehr als ehrenamtliche Nebentätigkeit haltbar war. Durch Förderungen und Spenden konnten sich beide Gründer ab Juni 2015 tatsächlich selbst anstellen. Geiling zeigt so: Auch ein Projekt, bei dem der soziale Gedanke im Vordergrund steht, kann monetär funktionieren.

Inzwischen betreut Geiling vor allem die Pressearbeit und die Kooperation mit 13 europäischen Ländern sowie Kanada, wo es ebenfalls Ideen zur Umsetzung des Konzepts gibt. Für ihre Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet – unter anderem unter den „20 Frauen der Startup-Szene, die man kennen sollte“ der Wirtschaftswoche oder als eine von „25 Frauen, die unsere Welt besser machen“ von Edition F.

Milena Glimbovski – Original Unverpackt

Milena Glimbovski kam auf die Idee für ihr Geschäft, weil sie regelmäßig von der Flut von Einwegverpackungen in regulären Supermärkten frustriert war. Im Bestreben, die Menge an Plastikmüll effektiv zu reduzieren, gründete sie deshalb 2014 in Berlin-Kreuzberg ihren ersten Unverpackt-Laden, in dem Plastik tabu ist und der Großteil der Lebensmittel in selbst mitgebrachte Behälter abgefüllt wird. Damit schuf sie selbst die Alternative, die sie zuvor vermisst hatte. Und damit war sie offenbar nicht alleine, denn die Geschäftseröffnung machte eine Crowdfunding-Kampagne möglich, die 100.000 Euro einbrachte.

Seit 2016 gibt es Original Unverpackt auch als Online-Shop, 2017 kam das OU Magazin hinzu, das über Themen wie Nachhaltigkeit und Abfallverringerung aufklärt. Zusätzlich ist Glimbovski inzwischen Autorin, die in ihrem Buch Ein guter Plan Tipps für mehr Achtsamkeit gibt. Über all diese Geschäftsbereiche finanziert sich Original Unverpackt inzwischen selbst, reinvestiert aber alle Gewinne.

Über ihre Erfahrung als Gründerin sagt Glimbovski im Interview mit Brandwatch: „Ich habe im Umfeld des Social-Impact-Lab gegründet und war dabei umgeben von Green-Startups. Diese Startups sind weniger auf Wachstum, sondern auf Mehrwert angelegt, bei ihnen steht die Idee im Vordergrund. In dieser Szene gibt es viel mehr Frauen als beispielsweise im Umfeld von Tech-Startups. Was wieder das Klischee bedient, dass sich Frauen mehr um das Soziale kümmern.“

Lea-Sophie Cramer – Amorelie

Lea-Sophie%20Cramer_AMORELIE_8-449792-edited
Bild: Pressematerial, amorelie.de

Lea-Sophie Cramer studierte BWL in Mannheim und war anschließend als Beraterin bei der Boston Consulting Group sowie bei Rocket Internet tätig. Mit nur 23 Jahren arbeitete sie schließlich als Vice President International für den asiatischen Markt bei Groupon. Dennoch zog es Cramer in die Selbstständigkeit und das mit einer gewagten Idee: Sie wollte Sex-Toys aus der tabuisierten Schmuddelecke holen und sie ansprechend-hochwertig präsentieren, sodass sich besonders moderne Frauen und Singles angesprochen fühlen würden.

Ihr Mut wurde belohnt und die Idee eines solchen Online-Shops ging mit Amorelie auf. 2016 gewann sie mit Mitgründer Sebastian Pollok den „Young Business Award“ für ihr Geschäftsmodell. Dieses zeigt nämlich vorbildlich, wie eine Marktlücke identifiziert, bedient und das entsprechende Produkt optimal vermarktet werden kann. ProSiebenSat.1 ist inzwischen Hauptinvestor. Im Jahr 2016 erwirtschaftete Amorelie einen Umsatz von 36,3 Millionen Euro, was ein Wachstum von 76 Prozent im Vergleich zum Vorjahr darstellte.

Delia Fischer – Westwing

Bei ihrer Tätigkeit für die Magazine Elle und Elle Decoration stellte Delia Fischer fest, wie schwierig der Online-Kauf von Wohn-Accessoires ist, mit denen sich die Vorschläge aus Home-Dekor-Zeitschriften umsetzen lassen. Als sie darüber mit einem Freund mit BWL-Hintergrund sprach, entstand das Konzept für Westwing. Dann setzt Fischer alles auf eine Karte: Sie kündigte ihren Job, noch bevor die erste Finanzierungszusage da war.

Dass eine erfolgreiche Firmengründung auch als Modejournalistin ohne Business-Ausbildung möglich ist, beweist das positive Feedback der Investoren, die Fischers Mut anerkannten.

Ihr wichtigster Tipp an Frauen, die es als Gründerin schaffen wollen: Durchsetzungsvermögen ist gefragt. „Ich glaube, wir Frauen trauen uns aus Angst vor Zurückweisung, ‚vor dem nicht gemocht werden‘ manchmal nicht, die Meinung zu sagen oder einen Gegenvorschlag zu machen. Das finde ich schade“, befindet sie im Interview mit dem Manager-Magazin.

Jana Tepe & Anna Kaiser – Tandemploy

Jana Tepe und Anna Kaiser haben sich als Kolleginnen in einer Personalberatung kennengelernt. Dort wurden sie immer wieder damit konfrontiert, wie schwer sich modernere Arbeitsplatzkonzepte nach wie vor umsetzen lassen, die individuelle Lebensmodelle unterstützen. Deshalb gründeten sie Tandemploy – ursprünglich als Jobsharing-Plattform. 

Inzwischen entwickelt das Unternehmen aber vor allem Software, die Mittelständler wie Konzerne beim gelungenen Wissenstransfer sowie der Flexibilisierung ihrer Strukturen und Arbeitsmodelle unterstützt - und sie damit fit macht für die digitale Transformation. Die Software wird von den Mitarbeiter*innen selber getrieben -  sie finden auf eigene Faust und entlang ihrer Bedürfnisse passende Kolleg*innen für flexible Arbeitsmodelle und Kollaborationsformen (z.B. für Projekte, Peer Learning, Job Swappings, Hospitationen oder ein Jobsharing). Auch in der eigenen Firma leben Jana Tepe und Anna Kaiser vor, wie andere Arbeit aussehen kann: Sie teilen sich die Geschäftsführung im Jobsharing, alle Mitarbeiter*innen arbeiten in flexiblen Arbeitsmodellen und interdisziplinären Teams, zuletzt haben sie die starre 40-Stunden-Woche bei Tandemploy abgeschafft. 

Finanziert haben Tepe und Kaiser ihr Vorhaben mit dem EXIST-Gründerstipendium, das die IT-Entwicklung ermöglicht hat, sowie mit einer Crowdfunding-Kampagne, die 18.000 Euro eingespielt hat. Zusätzlich sind Business-Angels mit an Bord. Mit ihrem Konzept wurden die beiden Gründerinnen von der BBC schon zu den 100 inspirierendsten Frauen des Jahres gezählt.

Anna Alex & Julia Bösch – Outfittery

160815_anna-alex_julia-bosch_highres_rgb_web-793090-edited
Bild: Pressematerial, outfittery.de

Die Idee für den Online-Shop, der Männern eine personalisierte Box mit Kleidung zuschickt, die von Stylisten ausgewählt wurde, kam den beiden in New York: Ein gemeinsamer Freund hatte dort überglücklich von einem Einkaufsbummel mit einem persönlichen Shopping-Assistenten erzählt. „Genau dieses männliche Nutzererlebnis wollten wir dann online ermöglichen“, erzählt Alex Edition F.

Das nötige Hintergrundwissen brachten beide Gründerinnen mit. Während Alex bei Rocket Internet gearbeitet und die IT eines Schweizer Onlineunternehmens geleitet hatte, war Bösch zuvor bei Zalando für die Internationalisierung zuständig. Outfittery gilt inzwischen als Vorzeige-Startup – unter anderem, weil es insgesamt 60 Millionen Euro von Investoren gewinnen konnte. Da die beiden die Anfangsfinanzierung alleine stemmten, mussten sie zunächst allerdings entsprechende Abstriche machen: Zu Beginn hatten sie keine angestellten Stylisten, sondern übernahmen von der Beratung bis zum Packen der Pakete alle Aufgaben selbst.

Franziska von Hardenberg – Bloomy Days

Frische, raffinierte Blumenbouquets gehörten für Franziska von Hardenberg schon immer dazu – sowohl zu Hause als auch im Büro. Nach ihrem Studium der Marketing- und Kommunikationswissenschaften und der Arbeit für einen Fashion Retailer sowie verschiedene Ventures von Rocket Internet entschloss sie sich deshalb, einen Versand für Blumenbouquets zu gründen. Das Besondere: Kunden können zwischen dem einmaligen Kauf und einem Abo-Modell wählen, das sie regelmäßig mit frischen Blumen beliefert. Dieses Konzept war neu, ein Schnittblumenabonnement gab es in Deutschland bis dato nicht.

Dennoch sah es zunächst gar nicht gut für die Gründung aus. Banken und Sparkassen waren skeptisch und lehnten die Finanzierung ab. Aber von Hardenberg gab nicht auf und startete eine Crowdfunding-Kampagne, die durch die Decke schoss: In 93 Minuten wurden 100.000 Euro generiert, sodass der Startschuss 2012 doch gelang. Schon 2013 war das Unternehmen um 1.000 Prozent gewachsen und beschäftigt inzwischen 100 Mitarbeiter.

Von Hardenberg hat 2016 zusätzlich ein Buch zu Dekoideen mit Schnittblumen geschrieben und erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Heute setzt sie sich intensiv für den Gründungsnachwuchs ein und berät andere Gründerinnen bei der Female Future Force.

Amber Riedl – Makerist

amber-riedl-makeristBild: Pressematerial Makerist 

Die Kanadierin und Wahlberlinerin gründete 2008 bereits den Heirats-Service 1001hochzeiten, der sich allerdings als nicht tragfähig erwies. Als sie ihren späteren Mitgründer Axel Heinz kennenlernte, der ihr von seinen Plänen für ein Do-it-yourself Startup erzählte, war sie auf Anhieb begeistert. Kurzerhand übergab sie ihr erstes Projekt und baute 2013 zusammen mit Heinz Makerist auf.

Dabei handelt es sich um eine Art Handarbeitskurs im Internet, der Lernvideos zum Thema Nähen, Basteln, Plotten und einigem mehr anbietet. Gleichzeitig können Nutzer die benötigten Materialien direkt im angeschlossenen Online-Shop kaufen. Investoren wie der Hightech-Gründerfonds oder der OZ Verlag waren schnell überzeugt. Inzwischen beschäftigt Makerist 42 Mitarbeiter und verzeichnet 800.000 registrierte Nutzer. Für 2017 war ein Umsatz von sechs Millionen Euro geplant.

Fazit: Mit Mut, Durchhaltevermögen und unkonventionellem Denken kann es klappen

Diese Beispiele zeigen: Der Weg zum eigenen Unternehmen muss (und kann) nicht immer stromlinienförmig sein. Rückschläge gehören zu der Erfahrung dazu – sei es, weil Investoren oder Banken nicht an die Idee glauben oder schlussendlich das ganze Vorhaben scheitert. Aber gerade diese Negativerlebnisse sind es oft, aus denen schlussendlich erfolgreiche Gründer wichtige Erkenntnisse ziehen. Wer sein eigenes Unternehmen gründen will, sollte immer auch unkonventionelle Wege in Betracht ziehen und ist nicht zwingend auf das obligatorische Business-Studium angewiesen. Gleichzeitig ist ein langer Atem unabdingbar. Wer aber hinter seinen Ideen steht und sich nicht entmutigen lässt, hat gute Chancen, dass es mit der Selbstständigkeit klappt.

New call-to-action

Ursprünglich veröffentlicht am 8. August 2018, aktualisiert am August 29 2018

Themen:

Karriere