Warum ist Universal Design wichtig? Weil allein die Gestaltung von Produkten, Prozessen, Räumen und Angeboten schon viele Personen von der Teilhabe ausschließen kann. Fast 10 Prozent der Deutschen haben schwere körperliche oder psychische Beeinträchtigungen. Und das ist nur einer von vielen Gründen, warum Menschen unterschiedliche Voraussetzungen für die Nutzung von Produkten mitbringen. Universelles Design ist ein Weg, diese Herausforderung zu lösen. Aber was ist "Universal Design" eigentlich genau?

In diesem Artikel erhalten Sie einen Überblick über die Idee, die einzelnen Prinzipien und die praktische Anwendung von Universal Design.

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Was ist Universal Design?

Jedes Produkt sollte sich so einfach wie möglich nutzen lassen und von so vielen Menschen wie möglich verwendet werden können. Das ist einerseits eine banale Erkenntnis, andererseits ist es bei weitem nicht üblich, Produkte nach diesem Prinzip zu gestalten.

Designerinnen und Designer gehen in ihrer Arbeit von einer Vorstellung von Normalität aus, die der eigenen Lebenswirklichkeit und den eigenen Erfahrungen entspricht. Damit bestimmen sie die Möglichkeit eines Menschen, Produkte zu nutzen und ihren Zugang zu Kultur und gesellschaftlichen Prozessen.

Das grenzt unbewusst und ungewollt Menschen aus, für die Normalität völlig anders aussieht, da sie sich hinsichtlich Alter, Sprache, Geschlecht, Bildungsgrad, Wahrnehmung, Leistungsfähigkeit, Gesundheitszustand, körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen, Interessen und oder anderen Charakteristika von den Gestaltenden deutlich unterscheiden.

Dagegen setzt Universal Design einen allgemeinen Leitgedanken: Design soll so viele Menschen wie möglich einschließen.

Die Entstehung von Universal Design

Die Ursprünge von Universal Design liegen in den 50er Jahren in den USA. In dieser Zeit gab es viele Veteranen des Zweiten Weltkriegs mit körperlichen Beeinträchtigungen. Damit sie möglichst ungehindert am gesellschaftlichen Leben teilnehmen konnten, wurde nach neuen Prinzipien für die Gestaltung von öffentlichen Gebäuden, Produkten und Services gesucht.

Den Begriff Universal Design prägte in den 80er Jahren schließlich eine Gruppe von Designern, Architekten und Wissenschaftlern um Ronald L. Mace, die an der North Carolina State University das Center for Universal Design gründeten. Aus einzelnen Ansätzen entstand damit ein einheitliches, vollständiges und breit anwendbares Konzept.

Warum ist Universal Design wichtig?

Immer wieder stellen Studierende und auch erfahrene Designerinnen und Designer die Frage: "Warum ist Universal Design wichtig?" Die Antwort ist einfach: Weil Design nach wie vor zu Ausgrenzung führt. Dabei gibt es noch weitere Vorteile, die durch ein universelles Design entstehen. Die Beachtung der Prinzipien des Universal Design kann die entstehenden Produkte auf drei Weisen verbessern.

1. Ziel: Ausgrenzung verringern

Ein Grundsatz jeder freien Gesellschaft sind gleiche Chancen auf gesellschaftliche Teilhabe und auf das Verfolgen der eigenen Ziele und Interessen. Doch die Umgebung und die Lebensumstände, in denen wir das tun, sind Ergebnisse von Gestaltungsprozessen. Bei genauerem Hinsehen überrascht es oft, wie viele Menschen bestimmte Angebote, die sich an alle richten, nicht nutzen können, weil sie dazu nicht in der Lage sind.

Dabei genügen oft geringe Anpassungen im Design, um dieses Hindernis abzumildern. Universal Design soll nach Möglichkeit jeder Person, unabhängig von ihren individuellen Voraussetzungen, die gleiche Chance einräumen, ihr eigenes Leben zu gestalten, ihre Bedürfnisse zu erfüllen und ihre Ziele zu verfolgen.

2. Ziel: Nachhaltigere Produkte gestalten

Für Produkte, die für viele Personen nicht nutzbar sind, müssen Alternativen geschaffen werden. Das kostet wertvolle Ressourcen. Wesentlich nachhaltiger ist ein Design, das von vornherein eine möglichst große Nutzergruppe einschließt. Universal Design ist daher besonders nachhaltig, weil es beispielsweise Angebote für eine möglichst große Gruppe zugänglich macht.

3. Ziel: Wertvollere Produkte schaffen

Immer noch befürchten Hersteller und Auftraggeber, dass die Bemühung um breitere Zugänglichkeit ein Produkt teurer und komplizierter macht. Gleichzeitig sind Auftraggeber darauf angewiesen, Produkte präzise auf die Zielgruppe zuzuschneiden. Universal Design scheint in die entgegengesetzte Richtung zu weisen.

Doch viele Beispiele legen nahe, dass das Gegenteil der Fall ist: Denn Verbesserungen für eine bestimmte Personengruppe können die Nutzung auch für andere Nutzergruppen leichter und attraktiver machen. Universal Design ist ein Weg zu besseren Produkten. Einige Vertreter gehen noch weiter und bezeichnen die Prinzipien als Leitlinien für gutes Design an sich.

Sieben Prinzipien für universelles Design

Sieben Prinzipien beschreiben die grundlegenden Anforderungen, die Universal Design an jeden Gestaltungsprozess stellt. Unter diesen Prinzipien sind jeweils konkretere Vorschläge und Richtlinien gruppiert.

Die Prinzipien sind nicht als klare Regeln zu verstehen. Vielmehr bieten sie eine Entscheidungsgrundlage, um den Designprozess zu überprüfen.

Prinzip 1: Breite Nutzbarkeit

Das Design ist für Menschen mit einem breiten Spektrum an Fähigkeiten und Fertigkeiten nutzbar.

  • Alle Nutzerinnen und Nutzer sollten die gleichen oder vergleichbare Möglichkeiten der Nutzung haben.
  • Keine Nutzergruppe soll ausgegrenzt oder abgewertet werden.
  • Sicherheit und Privatsphäre sollen für alle Nutzerinnen und Nutzer gleichermaßen gewährleistet sein.
  • Das Design soll für alle Nutzergruppen ansprechend sein.

Prinzip 2: Flexibilität in der Nutzung

Das Design soll möglichst viele unterschiedliche Vorlieben und Interessen ansprechen.

  • Individuelle Wahlmöglichkeiten sollen angeboten werden.
  • Links- und Rechtshänder sollen gleich behandelt werden.
  • Jede Nutzerin und jeder Nutzer soll das Produkt genau und präzise bedienen können.
  • Jede Nutzerin und jeder Nutzer soll das Produkt in der eigenen Geschwindigkeit anwenden können.

Prinzip 3: Einfache und intuitive Nutzung

Das Design ist einfach zu verstehen, unabhängig von Vorwissen, Erfahrung, Sprachniveau, Konzentration und anderen Voraussetzungen.

  • Unnötige Komplexität ist zu vermeiden.
  • Das Produkt soll auf Erwartungen und Intuitionen der Nutzerinnen und Nutzer eingehen.
  • Zugang soll für eine große Bandbreite an intellektuellen Fähigkeiten und Bildungsgraden möglich sein.
  • Informationen sollen gemäß ihrer Wichtigkeit geordnet sein.
  • Während und nach einer Handlung soll das Produkt der Nutzerin oder dem Nutzer effektive Begleitnachrichten und Feedback geben.

Prinzip 4: Sensorisch wahrnehmbare Information

Das Design ermöglicht dem Nutzer oder der Nutzerin, Informationen zu erhalten, unabhängig von seinen oder ihren Wahrnehmungsfähigkeiten und den Umweltbedingungen.

  • Essenzielle Information soll in verschiedenen Modi redundant angeboten werden (Bild, Text, Sprachausgabe etc.).
  • Zwischen essenzieller Information und dem Hintergrund soll ein klarer Kontrast bestehen.
  • Die Lesbarkeit essenzieller Information soll maximiert werden.
  • Elemente sollen in einer Weise unterschiedlich sein, die klar und einfach zu beschreiben ist.
  • Das Design soll mit Techniken kompatibel sein, die Menschen mit sensorischen Einschränkungen verwenden können.

Prinzip 5: Fehlertoleranz

Das Design mindert so weit wie möglich die Folgen und Risiken von versehentlichen und unabsichtlichen Aktionen.

  • Elemente sollen so arrangiert sein, dass Risiken und Fehler vermindert werden.
  • Die wichtigsten Elemente sollen leicht erreichbar sein. Elemente, die Risiken beinhalten, sollen ausgeschlossen, isoliert oder besonders geschützt sein.
  • Bei Fehlern und Risiken sollen Warnungen erfolgen.
  • Funktionen für Failsafe und Backup sollen angeboten werden.
  • Bei Aufgaben, die Aufmerksamkeit erfordern, soll die Nutzerin oder der Nutzer von unbewussten Aktionen abgehalten werden.

Prinzip 6: Geringe körperliche Anforderungen

Das Design ermöglicht die Nutzung mit minimalem körperlichem Einsatz.

  • Der Nutzer oder die Nutzerin soll eine neutrale Körperposition beibehalten.
  • Der Krafteinsatz soll sich im angemessenen Rahmen bewegen.
  • Wiederholte Aktionen sollen minimiert werden.
  • Dauerhafte Anstrengung soll so weit wie möglich reduziert werden.

Prinzip 7: Größe und Raum für Nutzung und Zugang

Das Design soll eine passende Größe und genügend Raum für Zugang, Erreichbarkeit, Bedienung und Benutzung vorsehen, ungeachtet der Körpergröße, der Haltung und der Mobilität der Anwenderin oder des Anwenders.

  • Es sollen klare Sichtlinien auf die wichtigen Elemente für stehende und sitzende Nutzerinnen und Nutzer bestehen.
  • Alle Komponenten sollen für stehende und sitzende Nutzerinnen und Nutzer erreichbar sein.
  • Das Design soll für verschiedene Hand- und Griffgrößen anpassbar sein.
  • Es soll ausreichend Raum für Hilfsmittel und persönliche Assistenz vorhanden sein.

Best Practices: Universal Design Beispiele im digitalen und analogen Raum

Auch, wenn noch großer Nachholbedarf besteht, lassen sich die Prinzipien des Universal Design schon an vielen Stellen beobachten: von der Gestaltung des öffentlichen Raums über physische Produkte, Prozesse und Dienstleistungen bis zu Webseiten, Programme, Apps und anderen digitalen Produkten.

Farben und Kontraste im Webdesign

Es gibt Trends im Webdesign, die eher Hürden aufbauen, als sie zu verringern: Das können große Headlines und ein sehr kleiner Text sein, essenzielle Information im Handlettering oder exotische Farbkombinationen.

Doch viele Webdesignerinnen und Webdesigner nutzen die Prinzipien des Universal Design und achten standardmäßig darauf, wichtige Informationen maximal lesbar zu halten. Dazu gehört zum Beispiel die große, voreingestellte Schriftgröße oder ein hoher Kontrast zwischen Schrift und Hintergrund.

Flexible Dashboards

Die Anpassbarkeit von digitalen Tools ist in vielen Bereichen kein Bonus mehr, sondern ein Must-have, das die Nutzerinnen und Nutzer erwarten. CRM-Systeme, Reporting-Tools oder Projektmanagement-Lösungen bieten dafür flexible Dashboards an. Nutzerinnen und Nutzer können sich den Startbildschirm nach den eigenen Präferenzen einrichten. Das erhöht die Zugänglichkeit und Nutzbarkeit für unterschiedlichste User-Gruppen.

Tutorial-Videos mit Untertiteln und als Textversion

Der digitale Informationsvorrat ist eine kostbare Ressource, mit der sich jede Person frei, vielfältig und unabhängig informieren kann, solange die Information auf geeignete Weise zugänglich ist.

Einflussreiche TED-Talks bieten beispielsweise Übersetzungen und Untertitel an. So können auch Gehörlose und Nichtmuttersprachler die entsprechenden Inhalte nutzen.

Sprechende Einkaufswagen

Alltägliche Besorgungen wie das Einkaufen können eine enorme Herausforderung sein, wenn ein Mensch blind ist. Digital vernetzte Einkaufswagen mit Sprachfunktion ermöglichen selbstständiges Einkaufen auch bei verminderter oder fehlender Sehkraft. Gleichzeitig verbessern sie auch das Einkaufserlebnis für Kundinnen und Kunden, die nicht unbedingt auf diese Möglichkeit angewiesen sind.

Texte in leichter Sprache

Viele essenzielle Informationen sind zwar online verfügbar, aber nur mit genug Übung, Wissen und einem ausreichenden Bildungsgrad zugänglich. Dieses Hindernis lösen Webseiten, die sich auf eine Version in leichter Sprache umschalten lassen.

In Deutschland wird die europäische Forderung nach barrierefreier Informationstechnik durch die BITV 2.0 umgesetzt. Auf dieser Grundlage werden kontinuierlich staatliche und kommunale Informationsangebote auch in verständlicherer Sprache zugänglich gemacht.

Fazit: Gutes Design ist für alle da

Universal Design ist mehr als ein Versuch, Barrieren abzubauen. Die sieben Prinzipien für maximal zugängliches Design reduzieren Ausgrenzung und verbessern dabei nachhaltig Produkte und Angebote. So wird Universal Design zu einem Wegweiser für gute und nachhaltige Gestaltung in allen Bereichen.

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Titelbild: Thitiphat Khuankaew / iStock / Getty Images Plus

Ursprünglich veröffentlicht am 28. September 2021, aktualisiert am September 28 2021

Themen:

Webdesign