„Wenn Ihnen die erste Version Ihres Produktes nicht wenigstens ein bisschen peinlich ist, haben Sie zu spät gelaunched“. Das frei übersetzte Zitat des LinkedIn-Gründers Reid Hoffman macht es deutlich: Die erste Produktversion muss nicht perfekt sein, im Gegenteil. Warum das so ist und was das Ganze mit dem Minimum Viable Product (MVP) zu tun hat, erfahren Sie in diesem Artikel.

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MVP: Das gilt es zu beachten

Das Minimum Viable Product ist eine Minimalversion eines neuen Produktes und gleichzeitig ein Entwicklungsprozess. Es stellt kein perfektioniertes Endprodukt dar, sondern eine schlichte, ausbaufähige Basisvariante.

Das MVP bietet Kunden eine Problemlösung an, bietet aber noch keine oder kaum darüber hinausgehenden Features.

  1. Das Ziel bei der Entwicklung eines Minimum Viable Products besteht darin, eine Produktidee schnell und unkompliziert umzusetzen, deren Ausformung und Optimierung größtenteils durch Kundenfeedback erfolgt. Das Unternehmen vermeidet dadurch hohe Entwicklungskosten und bleibt nah am Kundenwunsch.

  2. Die Basisvariante, also das MVP Ihres Produktes, ist eine Art Rohfassung. Die Besonderheit liegt darin, dass damit ein Produkt auf den Markt kommt, das funktionsfähig, aber noch nicht ausgefeilt ist. Ein MVP sollte kostengünstig und nutzbringend sein, um Anklang beim Customer zu finden. Kritiker des MVPs bemerken, dass die hohe Vergleichbarkeit von Produkten auf Internetplattformen zum Teil dafür sorgt, dass auch interessante MVPs weniger Chancen auf Erfolg haben, da Kunden sich meist für das – nur vermeintlich bessere – Produkt entscheiden.

  3. Eine Zielgruppenanalyse erleichtert die Entwicklung des MVPs. Durch sie können genau die Kunden, die den größten Bedarf an der vom neuen Produkt gebotenen Lösung haben, identifiziert werden. Diese Nische ist wichtig, denn die eingeschränkten Funktionen, die das MVP anfangs in der Regel bietet, werden von diesen Kunden am ehesten hingenommen. Ihr Feedback ist bei der weiteren Produktentwicklung ebenso wichtig wie bei der Beurteilung der Marktfähigkeit.

  4. Möglicherweise überlegen Sie, auf ein MVP zu verzichten und stattdessen direkt ein optimiertes Endprodukt zu launchen. Hintergrund solcher Überlegungen ist oft die Angst vor Nachahmern. Realistisch betrachtet ist die Möglichkeit, dass eine Geschäftsidee durch Nachahmer gestohlen wird, jedoch deutlich geringer als das Risiko, mit einem aufwändig entwickelten Endprodukt an den Bedürfnissen des Kunden „vorbei zu arbeiten“.

  5. Ein Businessplan ist das Mittel der Wahl, um die wichtigsten Eckpunkte Ihres Vorhabens komprimiert darzustellen. Für ein MVP sollte der Businessplan allerdings überschaubar sein, um keine unnötigen Ressourcen zu binden und trotzdem das Wichtigste darzustellen. Die Planung sollte solide und auf das Kernangebot fokussiert sein. Prüfen Sie die Planung vor allem darauf, ob sie realistisch operativ umzusetzen ist, und bleiben Sie flexibel.

MVP: Beispiele für Einsatzgebiete

In der Industrie, besonders im Maschinenbau, setzt sich seit einigen Jahren das Verfahren des Rapid Prototyping durch. Vorwiegend durch die innovative 3D-Druck-Technologie erlaubt das Rapid Prototyping eine schnellere und kostengünstigere Herstellung von Modell-Bauteilen, Mustern und einsatzbereiten Kleinserien, die als Minimum Viable Products unkompliziert und günstig herstellbar sind.

Kunstobjekte und Replikate, Skulpturen und Plastiken, die auf dem Kunstmarkt, für Museen oder Ausstellungen interessant sind, können ebenfalls im Rapid-Prototyping-Verfahren hergestellt werden. Diese gegenständlichen MVPs sind leicht veränderbar und können damit ohne großen Zeitaufwand den jeweiligen Wünschen Ihrer Customers angepasst werden.

Auch im Bereich der Software-Entwicklung sind MVPs vertreten. Der US-amerikanische Filehosting-Dienst Dropbox ist ein heute weltweit bekannter Cloud-Speicher und darf als Paradebeispiel für ein Minimum Viable Product gelten. Im Sommer 2007 erschien das damalige Startup mit einem einfachen Erklärvideo über sein Produkt, die Dropbox. Die ursprünglich 5.000 Anmeldungen für den Dienst stiegen durch das Video – quasi über Nacht – auf beachtliche 75.000 an.

Die ersten drei Jahre der Dropbox waren ein Entwicklungsstadium –  Betaphase genannt – das 2010 in die erste stabile Version 1.0 mündete. Erst zu diesem Zeitpunkt wurden die großen Betriebssysteme Windows, Linux und myOS vollständig unterstützt.

Auch erhielt Dropbox erstmals das Feature, anstelle eines kompletten Ordners nur bestimmte Inhalte zu synchronisieren. 2010 wurde der Hosting-Service damit für eine breitere Nutzer-Community zugänglich und erhielt Zusatzfunktionen - ein typisches Vorgehen beim MVP. Bereits im Jahr danach, 2011, wurde die Version „Dropbox für Teams“ eingeführt, die vor allem für Unternehmen die zentrale Verwaltung von Speicherkapazität und Zugriffsrechten ermöglichte.

2016 erhielt Dropbox ein neues Kollaborationstool, „Dropbox Paper“, mit dessen Hilfe Nutzer Textdokumente zeitgleich im Team bearbeiten können. Vor drei Jahren, 2017, verließ „Dropbox Paper“ die Beta-Phase.

Die Weiterentwicklung der ursprünglichen Dropbox, ihrer Varianten und Tools, während sie die ganze Zeit über bereits genutzt wird, ist eine typische Eigenart des Minimum Viable Product-Konzepts. Mit einem Wert von über 10 Milliarden Dollar gehört Dropbox heute zu den Schwergewichten der Branche.

Auch im E-Commerce-Sektor wird das Konzept des Minimum Viable Products erfolgreich eingesetzt, wie das Beispiel Zalando zeigt. Im Jahr 2008 startete Zalando als Online-Schuhhändler nach dem Vorbild des amerikanischen Zappos, dessen Gründer die Schuhe in den heimischen Schaufenstern fotografierte und dann online anbot.

Das Berliner Unternehmen Zalando wiederum entwickelte sich innerhalb kurzer Zeit vom Schuh-Versandhändler zum breit aufgestellten Mode-Versandhändler. Inzwischen bringt Zalando sogar eigene Kollektionen heraus und ist bereits seit 2009 auch international tätig.

Fazit: Geringer Aufwand für weitere Produktentwicklungen

Das Minimum Viable Product ist ein neues Produkt, dessen Eigenschaften ausreichen, um den Lösungsbedarf eines eng umrissenen Kundenkreises zu decken. Darüber hinausgehende Features bietet das MVP anfangs nicht an. Seine Kernfunktion ist bereits nutzbar, aber sein weiteres Potential ist noch nicht ausgereizt. Die Entwicklung des Produkts wird mit dem geringstmöglichen Aufwand betrieben.

Die Interaktion mit den Nutzern, aber auch das Feedback der Kunden, kann dem Unternehmen relevante Informationen und Daten zur weiteren Produktentwicklung liefern. Das MVP dient in dieser Testphase auch als Prüfung für die Marktfähigkeit. Beispiele für den erfolgreichen Einsatz von MVPs finden sich sowohl in der Industrie, Kunst, IT und im Online-Handel.

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Titelbild: marchmeena29 / iStock / Getty Images Plus

Ursprünglich veröffentlicht am 3. Februar 2021, aktualisiert am Februar 03 2021

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Produktmanagement