Das bilanzielle Sachanlagevermögen wirkt sich durch Abschreibungen auf den steuerlichen Gewinn aus. Dieses Gebot nutzt der Lohmann-Ruchti-Effekt, um die Kapazitäten eines Unternehmens zu erweitern. Dies ist aber nur möglich, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind.

In diesem Beitrag erfahren Sie, was sich hinter dem Lohmann-Ruchti-Effekt verbirgt, welche Voraussetzungen ein Unternehmen erfüllen muss, wie der Kapazitätserweiterungseffekt funktioniert und warum der Lohmann-Ruchti-Effekt in der Kritik steht.

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Was ist der Lohmann-Ruchti-Effekt?

Der Lohmann-Ruchti-Effekt ist mit dem Begriff Kapazitätserweiterungseffekt identisch. Die betriebswirtschaftliche Größe zielt auf die Kapazitätserweiterung durch eine Vergrößerung des Sachanlagevermögens ab. Ihr Unternehmen macht sich hierbei den Vorteil zunutze, dass Sie für Neuanschaffungen weder Eigenkapital noch Fremdkapital aufwenden müssen.

Voraussetzung für den Effekt ist, dass Sie die finanziellen Mittel, die Sie aus den Abschreibungen generieren können (Abschreibungsgegenwerte), in neue Wirtschaftsgüter des Sachanlagevermögens investieren.

Benannt ist der Lohmann-Ruchti-Effekt nach den beiden deutschen Betriebswirten Martin Lohmann und Johann Ruchti.

Abgrenzung zum Kapitalfreisetzungseffekt

Neben dem Lohmann-Ruchti-Effekt lässt die Betriebswirtschaft mit dem Kapitalfreisetzungseffekt noch eine weitere Möglichkeit zu, Investitionen aus den Abschreibungen auf das Sachanlagevermögen zu finanzieren. Dies ist der Kapitalfreisetzungseffekt.

Der Kapitalfreisetzungsprozess bewirkt, dass Sie die aus den Umsätzen generierten liquiden Mittel (Bank- und Barguthaben) nicht unmittelbar zur Finanzierung für Neuanschaffungen im Sachanlagevermögen verwenden.

Dabei bedient sich der Kapitalfreisetzungseffekt der Tatsache, dass Sie den Werteverzehr der Vermögensgegenstände im Sachanlagevermögen bilanztechnisch mit den Abschreibungen darstellen. Kalkulieren Sie Ihre Preise, berücksichtigen Sie die Abschreibungen als Sollkosten. Damit können Sie die Abschreibungen faktisch den liquiden Mitteln zurechnen, die Ihnen für weitere Investitionstätigkeiten zur Verfügung stehen.

Wie funktioniert der Kapazitätserweiterungseffekt?

Der Kapazitätserweiterungseffekt trifft die Annahme, dass die Abschreibungsdauer für ein Wirtschaftsgut mit seiner tatsächlichen Nutzungsdauer übereinstimmt. Unter dieser Prämisse erzielen Sie eine Kapazitätserweiterung dadurch, dass Sie die nicht zahlungswirksamen Abschreibungsbeträge in neue Sachanlagengüter investieren.

So kann der Kapazitätserweiterungseffekt seine Aufgaben erfüllen. Sie erhöhen nicht nur jedes Jahr den Bestand Ihres bilanziellen Anlagevermögens. Sie schaffen auch neues Abschreibungspotential, das Sie in weitere Vermögensgegenstände des Sachanlagevermögens investieren können.

Was wird für den Lohmann-Ruchti-Effekt vorausgesetzt?

Die Anwendung des Lohmann-Ruchti-Effekts setzt voraus, dass Ihr Unternehmen die folgenden Bedingungen erfüllt:

Die Finanzierung der ersten Anschaffungen in das Sachanlagevermögen muss sichergestellt sein. Diese Wirtschaftsgüter haben Sie durch eigene Mittel oder mit der Unterstützung eines Bankdarlehens finanziert. Die Dauer der Abschreibung muss zwingend mit der Nutzungsdauer der Sachanlagegüter übereinstimmen.

Ihnen steht ein Forderungsbestand zur Verfügung, den sie kurzfristig in liquide Mittel umwandeln können. Ihre Neuanschaffungen müssen Sie sinnvoll nutzen können. Dies setzt eine weite Nachfrageweite für Ihre Produkte oder Dienstleistungen voraus. Die Finanzierung Ihrer Vorräte und anderer Wirtschaftsgüter im Umlaufvermögen ist es gewährleistet. Zinseffekte dürfen nicht in die Ermittlung des Kapazitätserweiterungsfaktors einfließen.

Beispiel für den Lohmann-Ruchti-Effekt

Sie führen eine Spedition, die bei Gründung des Unternehmens über 10 Transporter verfügt. Die Anschaffungskosten für jeden Transporter betrugen 40.000 Euro (Nettoanschaffungspreis). Insgesamt hat das Anlagevermögen Ihres Unternehmens einen Wert von 400.000 Euro. Dieses haben Sie zu 20 Prozent (80.000 Euro) aus eigenen Mitteln finanziert. Die anderen Anlagegüter wurden komplett fremdfinanziert.

Im Geschäftsjahr 2021 erzielten Sie mit der Spedition einen Gewinn von 120.000 Euro. Dieser setzte sich wie folgt zusammen: Umsatzerlöse: 220.000 Euro; lineare Abschreibungen: 100.000 Euro. Dabei unterstellen Sie, dass die Nutzungsdauer (ND) vier Jahre beträgt und die jährliche Abschreibung für jeden Transporter bei 10.000 Euro liegt.

Da die Abschreibungen als zahlungsunwirksame Aufwendungen keine realen Kosten in Ihrem Unternehmen verursachen, fließen Ihrem Unternehmen 220.000 Euro zu. Hiervon stammen 100.000 Euro aus den zahlungsunwirksamen Aufwendungen. Diese Summe steht Ihnen für Neuinvestitionen in Ihr Unternehmen zur Verfügung.

In dem Geschäftsjahr 2022 investieren Sie 80.000 Euro in die Neuinvestition von zwei Transportern. In Ihrem Sachanlagevermögen weisen Sie jetzt 12 Transporter aus. Diese Anschaffungen haben Sie getätigt, ohne Eigenkapital oder Fremdkapital aufwenden zu müssen.

Diese Kapazitätserweiterung führen Sie in den folgenden Jahren fort. Die Formel, die Sie hierfür anwenden, lautet:

Formel zur Berechnung des Kapazitätserweiterungsfaktor

Für das Beispiel ermitteln Sie den folgenden Kapazitätserweiterungsfaktor:

Kapazitätserweiterungsfaktor = 2 x [(4 Jahre) / (4 Jahre + 1 Jahr)]

Kapazitätserweiterungsfaktor = 2 x 4/5 = 8/5 = 1,6

Mit der Ermittlung des Kapazitätsfaktors erhalten Sie die folgende Aussage:

Ausgehend von Ihrem Anfangsbestand (10 Transporter) können Sie aus den Abschreibungen 60 Prozent in Neuanschaffungen (6 Transporter) investieren. Der Vorteil ergibt sich daraus, dass Sie keine eigenen Mittel aufwenden und auch keine Darlehen zur Finanzierung aufnehmen müssen. Dies bedeutet, dass Sie mit den eingesparten Zinsen auch keine Fremdkapitalkosten aufwenden.

Kritik am Lohmann-Ruchti-Effekt

Der Lohmann-Ruchti-Effekt trifft nicht überall auf ein positives Echo. Kritiker und Kritikerinnen bemängeln insbesondere die folgenden Punkte:

  • Bei Vornahme der Abschreibungen müssen Sie handelsrechtliche und steuerrechtliche Vorgaben einhalten. Dies hat zur Folge, dass der Abschreibungsverlauf nicht den tatsächlichen Werteverzehr eines Vermögensgegenstandes des Sachanlagevermögens wiedergibt.
  • Eine höhere Kapazität im Sachanlagevermögen erhöht die Kapitalbindung im Umlaufvermögen. Dies betrifft zum Beispiel die Waren und Materialien, die Sie mit den Transporten zu den Bestimmungsorten bringen.
  • Der Lohmann-Ruchti-Effekt geht von der Annahme aus, dass sich die Wiederbeschaffungskosten für ein Sachanlagengut nicht erhöhen. Gerät die volkswirtschaftliche Konjunktur in eine Inflation, berücksichtigt der Kapazitätserweiterungseffekt die hieraus resultierenden Preissteigerungen nicht.
  • Problematisch ist die Anwendung des Lohmann-Ruchti-Effektes auch, wenn der investierte Sachanlagengegenstand Bestandteil einer Einheit (beispielsweise eine Maschine in einer Fertigungsstraße) ist. Eine Investition in dieses Sachanlagengut bedeutet für Sie, dass auch in die vorgelagerten und in die nachgelagerten Gebrauchsgüter neu investieren müssten.

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Titelbild: mapodile / iStock / Getty Images Plus

Ursprünglich veröffentlicht am 28. Juni 2022, aktualisiert am Juni 28 2022

Themen:

Buchhaltung