Agil, innovativ, disruptiv: Diese Schlagwörter passen zu vielen Start-ups, besonders für die jungen, „wilden” Unternehmen im FinTech-Bereich. Sie bringen die klassische Finanzbranche unter Druck und teilweise sogar ins Wanken. Aber was genau steckt dahinter?

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Was machen FinTech-Unternehmen?

FinTechs bieten Dienstleistungen oder Produkte an, die entweder etablierte Finanzdienstleistungen ersetzen sollen oder komplett neu und somit innovativ sind. Die Start-ups agieren mit ihren Angeboten in diesen Finanzbereichen:

  • Infrastruktur
  • Beratung
  • Bezahlung
  • Anlegen / Sparen
  • Investment
  • Finanzierung
  • Vorsorge / Absichern

In jedem Bereich gibt es mehrere Unterbereiche, in denen zahlreiche FinTechs tätig sind. Zum Beispiel:

  • Private Banking
  • Corporate Banking
  • Crowdfunding
  • Crowdinvestment
  • Personal Finance
  • Vermögensanlage
  • Firmenkredite
  • Geldüberweisung
  • Payment

Insuretech vs. FinTech: Gibt es einen Unterschied?

Aus den englischen Wörtern „insurance” und „technology” entstand der Begriff bzw. das Kofferwort „Insuretech“. Damit bezeichnet man Start-ups, die mit digitalen Technologien die Versicherungsbranche aufwirbeln. Da die Grenzen zwischen Insuretech und FinTech teilweise fließend ausfallen, werden Neugründungen im Versicherungsbereich oft ebenso als FinTech bezeichnet.

FinTech-Hype: Das bieten die Start-ups

Das FinTech-Unternehmen Stripe ist mit 36 Milliarden US-Dollar doppelt so viel wert wie die Deutsche Bank. Und alleine in Deutschland sind 1700 Stellen auf Job-Plattformen im FinTech-Bereich ausgeschrieben. Mit ihren internetbasierten Konzepten lassen sich bestehende Dienstleistungen wie das Sparen oder Transferieren von Geld deutlich einfacher, schneller und somit kostengünstiger als in den letzten Jahrzehnten ermöglichen.

Von den Start-ups ist daher zunehmend zu hören und zu lesen – und das meist mit Erfolgsgeschichten. Kurz: FinTech boomt. Woher kommen dieser Boom und der damit verbundene Hype? Das hat mehrere Gründe:

Neue Technologien

Ein Grund ist die Technologie. Digitale Angebote fallen effizienter als analoge oder halbdigitale Dienstleistungen aus. Dazu kommt, dass die Kunden von heute zunehmend digital agieren, was durch die Corona-Pandemie noch verstärkt wurde. Die Verbraucher besuchen kaum noch eine Bankfiliale, da sie die meisten Bankgeschäfte über Onlineportale und Smartphone-Apps erledigen können.

Neue Geschäftsmodelle

Zudem entstehen durch die Digitalisierung ganz neue Konzepte und Geschäftsmodelle, die zunehmend im Bereich Deep Tech angesiedelt sind. Das bekannteste Beispiel ist die Blockchain, die auf der Distributed-Ledger-Technologie basiert. Mit der Blockchain lassen sich sogenannte „Crypto Currencies“ (Kryptowährungen) wie Bitcoin, Ether, Tether und Ripple realisieren.

Digitale Beratung

Auch die Beratung erfolgt online: Finanz-Webseiten, Vergleichsportale und Robo-Advisors finden Anklang und Vertrauen bei den Konsumenten. Das Statista Research Department geht davon aus, dass sich das verwaltete Vermögen durch Robo-Advisors im Jahr 2024 auf 2,2 Billionen Euro belaufen könnte. Hinter den „Roboterberatern” stecken spezielle Algorithmen bis hin zu künstlichen Intelligenzen (KI), welche beispielsweise private Anleger bei der Vermögensverwaltung unterstützen.

Mobile Payment

Ein weiterer populärer FinTech-Bereich ist das Mobile Payment – die Bezahlung über Smartphones. Sei es im Supermarkt, beim Bäcker oder im Restaurant: Zunehmend zücken die Deutschen ihr Handy, um damit zu bezahlen. Treiber dieses Wandels sind unter anderem Apple Pay und Google Pay (ehemals Android Pay).

Rasantes Wachstum

Der Markt wächst rasant, wovon viele Bezahldienstleister und Technologiekonzerne profitieren. Schon im Jahr 2018 wickelte alleine PayPal mobile Transaktionen von 227 US-Dollar ab. Die COVID-19-Pandemie beschleunigte den Trend zur Bezahlung per Handy und das Bargeld verliert somit seine Bedeutung als Zahlungsmittel.

Nicht nur die Art des Geldtransfers wird zunehmend digitaler, ebenso das Geld an sich. Bitcoin, Ether und Co. sind erst der Anfang. Immer mehr Staaten denken darüber nach, rein digitale Währungen einzuführen.

die wertvollsten fintechs der welt

Was bedeutet das für die klassischen Finanzakteure?

Banken, Finanzberater und andere Finanzdienstleister stehen unter Druck. Die Geschäftsmodelle der letzten Jahrzehnte wackeln oder bröckeln. Da sich internetbasierte Angebote und digitale Infrastrukturen zunehmend durchsetzen, kommt es zu einer Disruption: Alte Branchen und ihre Akteure werden durch neue ersetzt.

Ein Beispiel: Robo-Advisors ersetzen zunehmend menschliche Berater, denn sie „arbeiten” 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr. Und dank der immer besser werdenden Algorithmen können die digitalen Roboter extrem schnell Wissen aggregieren, Analysen vornehmen und Maßnahmen erarbeiten. Hier kann kaum ein menschlicher Berater mithalten.

Dazu kommt: Sollten Kryptowährungen ein valides Zahlungsmittel werden, gefährden sie das Geschäftsmodell und die Macht der Banken. Denn der Transfer der digitalen Werte erfolgt direkt zwischen zwei Usern, ohne eine Bank als Mittelsmann dazwischen.

Weltweit bekannte FinTech-Unternehmen

Rund um den Globus gibt es zahlreiche Unternehmen, die im Bereich FinTech tätig sind – und es werden immer mehr. Laut einer weiteren Erhebung von Statista bestehen rund 4800 Finanztechnologie-Start-ups in Europa, circa 7400 in Asien und 8800 in Amerika.

Namenhafte Akteure sind unter anderem PayPal, Stripe und Square (USA), Transferwise (Großbritannien), Adyen (Niederlande) und Klarna (Schweden).

Neben den Jungunternehmen drängen auch etablierte Big Player in den Markt der Finanztechnologien, um sich einen Anteil am attraktiven Kuchen zu sichern. So hat Alipay bereits mehr als 520 Millionen User, die täglich über 100 Millionen Transaktionen über das mobile Bezahlsystem abwickeln. Hinter Alipay steckt die Alibaba Group, die größte chinesische IT-Firmengruppe. Auch Apple (Apple Pay), Google (Google Pay) und Samsung (Samsung Pay) erobern die Kunden über die Smartphones.

FinTechs: Wie sieht die Lage in Deutschland aus?

Nicht nur in den USA und China sitzen viele Finanz-Start-ups, ebenso in Deutschland. Die meisten davon siedelten sich in Berlin, Frankfurt, München und Hamburg an. Die Anzahl der Neugründungen wie auch die Investitionssummen wachsen seit einigen Jahren. Knapp 1,3 Milliarden Euro konnten die deutschen FinTechs im Jahr 2019 als Investments einsammeln, so eine Studie der Comdirect Bank.

Die genaue Anzahl der Finanztechnologie-Start-ups ist schwer zu ermitteln, da es keine klare Trennschärfe gibt. Eine Studie des Bundesministeriums für Finanzen kam bereits 2016 auf über 400 FinTech-Unternehmen, die in Deutschland eine sogenannte „aktive Geschäftstätigkeit” aufwiesen.

Der Markt befindet sich in ständiger Bewegung und fällt sehr fragmentiert aus. Die Website Paymentandbanking.com gibt mit einer Infografik (Stand: 2019) einen Überblick.

6 bekannte deutsche FinTechs

Diese Start-ups haben sich in Deutschland und darüber hinaus einen Namen gemacht:

N26

Das bekannteste FinTech „made in Germany” ist N26, das 2013 gegründet und 2015 als NUMBER26 startete. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Berlin war die erste mobile Bank Europas, da die Kunden alle Geschäfte über die iOS- und Android-App erledigen.

Dank zahlreicher Finanzierungsrunden konnte N26 schnell wachsen, auch außerhalb der Bundesrepublik. Mittlerweile ist das Banking-Start-up in 25 Ländern mit über 1500 Mitarbeitern aktiv und hat über 5 Millionen Kunden.

Finanzcheck.de

„Finanzcheck.de versteht sich als Technologieunternehmen mit einem bankenunabhängigen Beratungsansatz”, so beschreibt sich das Start-up selbst. Auf dem Onlineportal können Verbraucher verschiedene Arten von Krediten (zum Beispiel Autokredite und Ratenkredite) sowie Finanzprodukte (beispielsweise Baufinanzierungen) von großen Anbietern miteinander vergleichen.

Smava

Smava gilt als das erste deutsche FinTech, da es bereits 2007 gegründet wurde. Wie Finanzcheck.de und andere Mitbewerber vergleicht das Start-up die Kreditangebote von verschiedenen Banken und Kreditvergabepartnern. Das in Berlin ansässige Unternehmen vermittelte 2019 mit seinen rund 600 Mitarbeitern Kredite im Wert von 2,7 Milliarden Euro. Bekannt wurde Smava unter anderem durch sein besonderes Versprechen: Es bietet (O-Ton) eine „Sofortauszahlung in 3 Minuten”.

Vaamo

Geld anlegen und automatisiert verwalten lassen – das war die Idee von Dr. Thomas Vins und Thomas Bloch. Zusammen gründeten sie 2013 ein Robo-Advisor-Unternehmen, das als Vamoo bekannt wurde. 2018 verschwand der Name, da das britische Unternehmen Moneyfarm das deutsche Start-up übernahm. Die Technologie besteht aber weiterhin, Investoren wie die Allianz stiegen in das FinTech ein.

Weltsparen.de

Hinter Weltsparen.de steckt ein weiteres Start-up aus Berlin: Raisin. Dieses bietet unter anderem Sparpläne an, die über einen ETF-Robo-Advisor laufen. Für seine Angebote arbeitet das deutsche FinTech, das international unter raisin.com firmiert, mit rund 100 Partnerbanken in 30 Ländern zusammen.

Unzer

Vor September 2020 hatte Unzer den Namen Heidelpay. Das 2003 in Heidelberg gegründete Unternehmen war der erste deutsche Bezahldienstleister, der eine Lizenz der Bafin (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht) erhielt. Heidelpay bzw. Unzer ist ein Payment-Provider, der 200 Zahlungsmethoden für Onlineshops und Ladengeschäfte anbietet.

Clark

Das Start-up aus Frankfurt am Main ist kein „echtes” FinTech, sondern ein Insuretech-Unternehmen. Die Nutzer der Clark-App können über ihr Smartphone bestehende Verträge verwalten und neue Verträge abschließen. Zudem erhalten die 250.000 Nutzer automatisch Vorschläge über neue, passende Angebote.

Wer ist die FinTech Group?

Die Fintech Group AG ist ein Unternehmen, das von 2014 bis 2019 existierte. Es entstand aus der PRE.IPO AG (Gründung: 1999) in Frankfurt am Main, welche sich im Jahr 2006 als flatex AG einen Namen als Discount-Broker machte. In den Folgejahren kam es zu mehreren Übernahmen und zu der Umbenennung in Fintech Group AG. Seit 2019 heißt der Anbieter von Online-Brokerage wieder flatex.

FinTech-Unternehmen: Die Stars des Finanzsektors?

Hohe Investitionen, steiles Wachstum, zukunftsweisende Technologien: Die Geschichte vieler deutscher Start-ups liest sich wie eine Erfolgsgeschichte aus dem Silicon Valley. Doch es ist nicht alles Gold, was glänzt.

Viele FinTechs können nur mit enormen Geldspritzen wachsen und überleben, das Business steht teilweise auf wackeligen Beinen. Die Corona-Krise sorgte dafür, dass manche Finanztechnologie-Unternehmen umkippten. So musste beispielsweise das „Vorzeige-Start-up” Monedo (auch bekannt als Kreditech) Insolvenz anmelden. „Corona sorgt für eine Auslese unter den FinTechs”, titelte die Tagesschau auf ihrer Webseite im Oktober 2020.

Um zu wachsen oder die Geschäfte stabil zu halten, gibt es im FinTech-Sektor viele Konsolidierungen. Zum einen verschmelzen FinTechs mit anderen FinTechs. Zum anderen werden sie von klassischen Banken übernommen, damit diese ihre eigene Digitalisierung voranbringen können.

FinTechs wirbeln den Finanzmarkt auf

Wie eingangs beschrieben, gelten FinTechs als die „jungen Wilden”, da sie dem teils angestaubten Finanzsektor mit frischen Ideen und Lösungen neuen Schwung verleihen. Trotz mancher Pleiten bleiben viele der innovativen Geschäftsideen bestehen und neue stehen vor der Tür. Vielleicht gehören Bitcoin und Co. die Zukunft? Vielleicht auch nicht. Das wird die Zeit zeigen.

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Titelbild: OstapenkoOlena / iStock / Getty Images Plus

Ursprünglich veröffentlicht am 11. Dezember 2020, aktualisiert am Dezember 11 2020

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